Das Cover des Buches

DER NEUE NORDEN

Die Arktis und der Traum vom Aufbruch

von Matthias Hannemann

TECHNIK
Hammerfest – 70 Grad Nord – Die Fabrik
Die Zukunft. Auf 70° 41' 13'' Nord, 23° 35' 56'' Ost, im Frost, lag in der Dämmerung diese Insel. Sie funkelte so fremd, als habe der aufziehende Sturm eine Plattform aus dem Eismeer herüber gespült: einen Koloss aus Röhren, Tanks und abertausenden von Lichtern, über dem eine Flamme bis hinauf in die Wolken schlug. Die Flamme brannte bei Tag. Sie fackelte bei Nacht. Sie zog mehr Blicke von Hammerfest aus auf sich als der gewaltige rote Tanker, der seit Wochen im Fjord lag und auf den Einsatz wartete. Und über den Wellen knisterte die Luft. Denn wenn es stimmte, dass ein Viertel der weltweiten Gas-Reserven im Nordpolarmeer verborgen liegt, wenn sich niemand verrechnet hatte und alles funktionierte – dann bedeutete die Inbetriebnahme einer Fabrik in der Nähe des Nordkaps den entscheidenden ersten Schritt in Richtung Zukunft. Die gewaltige Flüssiggasanlage auf Melkøya, hieß es, könnte Norwegens märchenhaften Wohlstand auf Generationen sichern. Sie könnte Europa und den Vereinigten Staaten bei der Energieversorgung helfen und sie aus Abhängigkeiten von anderen Lieferländern befreien. Und mit ihrer 143 Kilometer langen Pipeline, die auf dem Meeresboden von einem Erdgasfeld in der Barentssee bis nach Hammerfest herüberführt, galt sie anderen Städten an der norwegischen, Schweden und Finnland im Halbkreis überspannenden Küste als der entscheidende Beleg für den Eintritt in ein neues Zeitalter. Es gab größere Erdgasfelder als »Schneewittchen« mit seinen schätzungsweise 193 Milliarden Kubikmetern Gas, vor allem das russische »Shtokman-Feld« mit seinen mehr als drei Billionen Kubikmetern Inhalt. Aber »Snøhvit« war ja auch erst der Anfang, womöglich nur ein Zehntel dessen, was auch Norwegen im Norden auftreiben könnte. »Imagine what we can do together«, stand auf dem Schild, das die unlängst fusionierten Energie-Giganten Statoil und Norsk Hydro im Eingang zum Hochsicherheitstrakt auf Melkøya montiert hatten. Vermutlich hatten es dieselben Herren entworfen, die auch neue Fernsehproduktionen über norwegische Polarhelden unterstützten: »This is the beginning.«
An dem Tag, an dem ich Hammerfest erreichte, steuerte auch ein russisches Forschungsschiff die Ausrüstungsstation »Polarbase« an. Sie lag außerhalb von Hammerfest, in einer Bucht gleich jenseits des Hügels, auf dem die Stadtväter eine Tankstelle und einen Plastikeisbär errichten ließen, und so musste sich die »Geo Arctic« mit ihrem blauen Rumpf die Anlagen am Kai mit zwei Lotsenbooten teilen, die zur »Arctic Princess« gehörten, dem Supertanker. Ich sah zu, wie die Russen festmachten. Ich beobachtete den 288 Meter langen Supertanker im Fjord, dessen Tanks wie eine Großstadt bei Nacht beleuchtet waren. Dann traf ich Herold Paulsen, Direktor der »Polarbase«. Er stand zwischen den Kisten, den Maschinen, den Spulen und Röhren und trug Sakko und Hemd, keine hypermoderne Gore-Tex-Jacke, die deutsche Outdoor-Experten in dieser nordischen Landschaft erwarteten. »Seit 20 Jahren sagt man uns, dass wir der wichtigste Stützpunkt für alles sein würden, was in den Meeren nördlich von hier geschieht«, sagte Paulsen, noch bevor er das Werktor per Sicherheitscode öffnete. »Jetzt ist es so weit. Wir sind der Anlaufpunkt für die Schiffe, die im Norden nach Rohstoffen suchen. Für die Versorgung bei künftigen Probebohrungen. Und für alle Materialien, die zur Wartung der neuen Fabrik da draußen gebraucht werden. Das wird hier immer größer.« Hammerfest ist längst da, wo Harstad gerne wäre.
Auch in Hammerfest waren die Zeiten, in denen Paulsen den Traum vom Aufbruch fast abgeschrieben hatte, nicht lange her. Über Jahrzehnte hinweg blieb die Vorstellung, von Hammerfest aus die Energievorräte im Norden erschließen zu können, nicht mehr als eine fantastische Idee. Nach der Entdeckung der Erdgasfelder »Askeladd«, »Albatross« und vor allem »Snøhvit« in den achtziger Jahren mangelte es noch lange an einer Technik, mit der solche Felder fernab vom Festland erschlossen werden konnten, an einem Marktszenario, mit dem sich die horrenden Investitionskosten rechtfertigen ließen, und bis zum Frühsommer 2002 auch am politischen Willen, die Risiken eines solch gewaltigen Projektes zu schultern. Auch hier war das Warten auf den Märchenbeginn eine Geduldsprobe. Während der Süden des Landes aus dem Vollen schöpfen konnte, dank des Öl- und Gasreichtums der Nordsee, mussten die im Norden mit ansehen, wie ihre traditionellen Wirtschaftszweige – besonders der Fischfang und die Fischverarbeitung – kriselten, der Schatz vor der eigenen Küste aber noch nicht gehoben werden konnte. Ab und zu kamen Schiffe aus Energie-Metropolen wie Stavanger. Sie vermittelten den Eindruck, auch auf der 1986 im Eifer der ersten Stunde gegründeten »Polarbase« könne es demnächst hektisch werden. Die bei der Erschließung der Öl- und Gasquellen in der Nordsee gesammelten Erfahrungen ließen sich aber nicht ohne Weiteres auf die Barentssee und das Nordpolarmeer übertragen. Mit Förderplattformen oder einer traditionellen Pipeline war es im Norden nicht getan. Nicht bei diesen Temperaturen und diesen Wellen. Die Schiffe kamen. Die Schiffe zogen ab. »Was blieb«, sagte Paulsen, »war nur das unbestimmte Gefühl, demnächst Teil einer bahnbrechenden Entwicklung zu sein.«
Leseprobe

Der Nordeuropa-Experte Matthias Hannemann nimmt uns mit auf eine spannende und nachdenkliche Reise durch die europäische Arktis: eine Region im Wandel. Mindestens zwanzig Prozent der weltweiten Reserven an Erdöl und Erdgas werden im Nordmeer vermutet. Diese Prognose hat einen internationalen Wettlauf um die Ressourcen nördlich des Polarkreises ausgelöst, bei dem auch Russland eine entscheidende Rolle spielt. Ihre Erschließung, die nicht zuletzt der Klimawandel ermöglicht, könnte Nordeuropa und das Polarmeer zu einer geopolitischen Schlüsselregion machen. Jahrzehnte des Wartens auf den großen Aufbruch hätten damit ein Ende. Aber lässt sich der Wunsch nach industriellem Fortschritt überhaupt mit der Sehnsucht nach der unberührten Natur und einem Leben fern der Zivilisation vereinbaren? Und welche Konsequenzen hätte eine Erschließung für das Ökosystem?

Der Autor hat sich auf den Weg gemacht, den unwirtlichen Norden aus der Sicht einer Generation zu erkunden, die endlich aus dem Schatten des Kalten Krieges heraustreten möchte. Überall zwischen Grönland, Nordkap und russischer Grenze fand er Männer und Frauen, die so fest an die Zukunft glauben wie einst die Siedler Amerikas. Sie bauen Fabriken im Meer, planen Eisenbahnen und Häfen, hoffen auf Touristen, gewaltige Fischvorkommen und sogar auf die Erschließung des Weltalls. Während das Eis schmilzt, beschwören sie den Aufbruch in ein Zukunftsland, in dem alles möglich ist – auch das Nebeneinander von Natur, alten Traditionen und industriellem Fortschritt.

„Unsere Vorstellung vom Norden wird sich radikal wandeln: Der alte Mythos von der eisigen Nordeinsamkeit wird verblassen, je zugänglicher die Arktis für Industrie, Handel und Tourismus wird. An seine Stelle tritt der neue Mythos, der entscheidend von Wirtschaftsführern, Ingenieuren und Politikern geprägt wird, denn auch sie träumen vom großen Aufbruch.“

Eine interaktive Karte der Reisestationen.

Eine interaktive Karte der Reisestationen.

Trailer zum Buch (auf der Autorenwebseite)

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ISBN-13: 9783942073028

Erscheinungstermin: August 2010

€ 19,90 (D)

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